Ich arbeite anders aber nicht weniger
- Anne Witt
- 17. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit

Die Generationen-Diskussion ist gerade extra laut. Im Zentrum der Diskussion: Die Gen Z ist faul und hat keine Arbeitsmoral (es wird natürlich noch mehr gesagt, aber das ist definitiv eine der Kernaussagen). Obwohl ich ein Millennial bin (Generation Y), fühle ich mich doch von vielen Dingen, die aus der Gen Z gefordert werden, stark angesprochen.
Vergleiche ich meine Einstellung zur Arbeit mit den vorangegangenen Generationen, erkenne ich definitiv einen Unterschied. Allerdings nicht den Unterschied, dass ich faul bei der Arbeit wäre oder ohne Moral.
Ich schäme mich nicht, ein paar Wahrheiten zu meiner Arbeitseinstellung zu teilen:
Ich ziehe klare Grenzen
Vermutlich gibt es in jedem Job Phasen, in denen die Arbeitslast eventbezogen relativ hoch ist. In so einer Zeit fallen Überstunden an – für mich kein Grund, sich zu beschweren. Ich glaube aber daran, dass Überstunden nicht dazu da sind, gesammelt zu werden, sondern zum Abfeiern, wenn die Arbeitslast es erlaubt.
Klassiker: Mitarbeiter:innen haben zig Überstunden. Freitag wäre der ideale Tag, diese abzufeiern. Warum? Weil in vielen Firmen freitagnachmittags nichts mehr passiert und sich alle aufs Wochenende freuen. Aber auch tausendfach erlebt: Man wird schief angeschaut oder erntet komische Kommentare, weil man sich am frühen Nachmittag per Chat oder persönlich verabschiedet. Paradox: Man kriegt dann aber Gespräche eingestellt, weil man zu viele Überstunden hat. Lasst uns annehmen, Menschen werden aufgrund ihrer Kompetenz eingestellt und aufgrund ihrer Fähigkeit zur Eigenverantwortung – ist es dann wirklich nötig, Arbeitszeiten zu kontrollieren, oder überlassen wir das nicht doch lieber dem gesunden Menschenverstand der Mitarbeiter:innen (und den Zeitkonten)?
Ich ziehe eine klare Grenze zwischen meiner Pflichterfüllung und dem unnötigen Sammeln von Überstunden – und ich bin deswegen nicht faul.Hand aufs Herz: Wer mag das Gefühl denn nicht, mal frühzeitig Feierabend zu haben und etwas mehr vom Rest des Tages zu haben?
Ich frage nach dem Sinn
"Die Loyalität der Mitarbeiter:innen ist nicht mehr das, was sie einmal war". Die jungen Leute wechseln häufiger ihre Stellen. Die Antwort der Wirtschaft: Back-to-Office-Kampagnen und subtile Hinweise an die Einstellung unserer Generation, die „zu sehr auf Ego und Selfcare“ gepolt ist. Käse!
Was wirklich zählt, ist der Sinn bei der Arbeit, die Freude, die Erfüllung. Ein schlechteres Gehalt lässt sich beispielsweise viel besser aushalten, wenn man liebt, was man tut. Ich frage nach dem Sinn bei der Arbeit! Warum? Wer kann sich denn in diesen Zeiten noch erlauben, sinnfreie Dinge zu machen und Lebenszeit zu verschwenden? Wenig Moral? Im Gegenteil: Wir lechzen nach Sinn und der Möglichkeit, das Leben für uns und andere ein bisschen besser zu machen. Das widerspricht der Systemerhaltungsmaschinerie, die sich in Deutschland in vielen Unternehmen finden lässt. Wer keine sinnstiftende Arbeit bietet und dann noch schlecht zahlt, sieht alt aus. Ehrlich gesagt auch, wer gut zahlt, aber wenig Sinn stiftet – da lässt das Schmerzensgeld einen vielleicht nur etwas länger durchhalten. Sinn ist für jeden etwas anderes – ein tolles Projekt, ein mittelgutes Projekt mit extrem coolen Kolleg:innen, ein Beitrag zur Umwelt etc. Wir gehen nicht zwangsläufig wegen mehr Geld und weil wir illoyal sind. Wir tun uns nur schwer mit Sinnlosigkeit bei der Arbeit – und glücklicherweise haben wir die Möglichkeit, alte Muster zu hinterfragen. Das hat im Übrigen nichts damit zu tun, dass alles vorher schlecht und falsch war! Aber wir entwickeln uns weiter – und das ist doch das Gute am Menschsein.
Ich muss nichts aushalten, was mich unglücklich macht
Ein Arbeitgeber bis zur Rente. So wurde ich erzogen. Und dass es für mich nicht so lief, war ziemlich schwer zu begreifen und hat mich oft extrem unsicher gemacht. Dass die Frage nach den häufigen Wechseln dann von Recruiter:innen auch immer irgendwie klingt wie ein Vorwurf, hat es auch nicht besser gemacht. Es wird immer wieder Menschen geben, die, um Gehaltssprünge zu machen, häufig wechseln. Dann gibt es aber auch Menschen wie mich, die ihren Hafen noch nicht gefunden haben – und neu anzufangen ist ehrlicherweise vor allem eins: beängstigend und emotional anstrengend, insbesondere, wenn man nicht nur gute Erfahrungen gesammelt hat.
Wird es woanders besser?
Was stimmt nicht mit mir?
Wieso passe ich hier nicht rein?
Hat mal jemand vorherige Generationen gefragt, was sie dafür bezahlen mussten, so lange beim selben Arbeitgeber „durchzuhalten“? Es wird sicher diejenigen geben, die aus tiefer Überzeugung, Freude und Loyalität geblieben sind und einfach ein schönes Berufsleben hatten (zutiefst beneidenswert!!). Es gibt aber eben auch diejenigen, die krank wurden. Burnout, Boreout, Depressionen und natürlich auch körperliche Beschwerden blieben nicht aus. Und das alles, weil man vielleicht nicht die Wahl hatte zu gehen – aufgrund von schwierigen Bedingungen am Arbeitsmarkt oder weil man schon sehr jung eine Familie gegründet hat und sich geopfert hat, um diese zu versorgen. Oder: weil es sich eben einfach so gehört. Aber wir haben die Wahl und die Möglichkeiten – und folglich muss niemand etwas aushalten, das unglücklich und krank macht.
Ich suche einen People Manager
Die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist eine gegenseitige Verpflichtung. Man unterschreibt einen Vertrag, man erbringt seine Arbeitsleistung – und hinterher bekommt man Geld und möglicherweise weitere vertraglich geregelte Benefits. Das sind die Hard Facts. Es gibt allerdings für mich mehr als nur harte Fakten, um glücklich bei der Arbeit zu sein.
In einem Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt: „Was brauchst du, um langfristig zu bleiben?“ Was für eine tolle Frage! Ein Auszug aus meiner Antwort:
Ich wünsche mir, dass mein Vorgesetzter meine Stärken und Schwächen erkennt und mich so einsetzt, dass ich mich nicht quälen muss, aber mich trotzdem weiterentwickeln kann.
Ich wünsche mir Vertrauen und eine lange Leine, um mich wirklich zu entfalten.
Ich wünsche mir, dass meine fachliche Meinung gehört wird.
Den Mitarbeiter leistungsgerecht zu bezahlen, ist eben nicht alles. Viel zu häufig sind Vorgesetzte damit beschäftigt, nach oben hin Zahlen zu reporten und Politik zu betreiben. Was ich mir wünsche, ist ein People Manager – kein Zahlenmanager.
Und – ist das jetzt falsch?
Ich stelle die Vermutung an, dass ich mit diesen Gedanken nicht allein bin. Die Frage nach dem Sinn beschäftigt uns eben einmal mehr als vielleicht noch in den vergangenen Generationen – weil wir den Luxus haben, dass wir diese Fragen stellen können. Denn unsere Eltern haben uns frei erzogen und uns eine Sicherheit geschenkt, die es vorher nicht in diesem Ausmaß gab. Je geringer der Sinn, den wir erkennen können, desto geringer die Motivation, langfristig zu bleiben. Ich für mich kann sagen: Wenn ich für etwas brenne, bestelle ich abends um zehn mit meinen besten Kolleg:innen eine Pizza und ziehe die letzten Schritte vor dem Website-Relaunch hart durch! Natürlich können wir arbeiten – nein, wir sind nicht faul!